Adina Lauer liest Erich Kästner
Adina Lauer liest Erich Kästner

Rund­gang

Äste kna­cken, Holz­schnit­zel knir­schen. Adina Lauer geht voran. Bodan­rück, Sams­tag, 11 Uhr, 15 Besu­cher. Kos­ten­lose Füh­rung durch die Waldruh St. Katha­ri­nen. Frau Lauer spricht von nähr­rei­chem Boden und über den Misch­wald. Für 99 Jahre aus der regel­mä­ßi­gen Bewirt­schaf­tung des gräf­li­chen Unter­neh­mens her­aus­ge­nom­men. Buchen, Eschen, Eichen, Lär­chen, Kie­fern, Fich­ten. Dazwi­schen Wald­meis­ter, Storch­schna­bel, Brom­beere. Nor­ma­ler Wald­be­wuchs.

„Der Name St. Katha­ri­nen“, sagt Frau Lauer, „geht auf das gleich­na­mige Klos­ter zurück, das sich frü­her hier befand.“ Ringsum Baum­stämme wie goti­sche Säu­len. Die Kro­nen geschlos­sen wie ein Gewölbe. Eine Kathe­drale aus Grün. Frau Lauer erklärt: „630 aus­ge­wählte Bäume; bis zu zwölf Bestat­tun­gen an einem Baum. Keine anony­men Bestat­tun­gen, dafür Pla­ket­ten mit Namen.“ In den Bäu­men zwit­schern Vögel. Die Gruppe steht an einem Andachts­platz. Ein Mes­sing­kreuz und Holz­bänke. Unter dem Hang schim­mert der See. Einer sagt: “Ist an Baum 18 noch etwas frei? Als Seg­ler bin ich gerne am Was­ser.”

Frau Lauer erläu­tert: „Blu­men bei der Bei­set­zung gestat­tet, Kunst­stoff und Metall uner­wünscht.“ Spä­ter vor der Kapelle. Für Trau­er­fei­ern errich­tet, aber auch als Schutz­raum gedacht. Schlicht, gerad­li­nig, klar.

Und dann trägt sie ein Gedicht von Erich Käs­t­ner vor.
Es heißt „Die Wäl­der schwei­gen“.

Die Jah­res­zei­ten wan­dern durch die Wäl­der.
Man sieht es nicht. Man liest es nur im Blatt.
Die Jah­res­zei­ten strol­chen durch die Fel­der.
Man zählt die Tage. Und man zählt die Gel­der.
Man sehnt sich fort aus dem Geschrei der Stadt.

Das Dächer­meer schlägt zie­gel­rote Wel­len.
Die Luft ist dick und wie aus grauem Tuch.
Man träumt von Äckern und von Pfer­de­stäl­len.
Man träumt von grü­nen Tei­chen und Forel­len.
Und möchte in die Stille zu Besuch.

Man flieht aus den Büros und den Fabri­ken.
Wohin, ist gleich! Die Erde ist ja rund!
Dort, wo die Grä­ser wie Bekannte nicken,
und wo Spin­nen seidne Strümpfe stri­cken,
wird man gesund.

Die Seele wird vom Pflas­ter­tre­ten krumm.
Mit Bäu­men kann man wie mit Brü­dern reden
und tauscht bei ihnen seine Seele um.
Die Wäl­der schwei­gen. Doch sie sind nicht stumm.
Und wer auch kom­men mag, sie trös­ten jeden.

„Man geht immer mit einem ande­ren Gefühl nach Hause, als man gekom­men ist“, sagt Frau Lauer, „nicht umsonst gehen die Men­schen so gerne in den Wald.” Sanft spielt der Wind mit den Blät­tern. „Alles ver­än­dert sich”, hat Goe­the geschrie­ben, „aber dahin­ter ruht Ewi­ges.” Und, „ja“, sagt Frau Lauer, „an Baum 18 sei noch Platz.“