Adam Chabior im Gespräch
Adam Chabior im Gespräch

Gespräch mit Adam Chab­ior

Warum ich hier bin? Ganz ehr­lich: aus öko­no­mi­schen Grün­den. Von Beruf bin ich Elek­tro­me­cha­ni­ker. In der Werk­statt, die ich mit einem Part­ner in Polen führe, gibt es in den Win­ter­mo­na­ten nur wenig Arbeit. Zwei Fami­lien kön­nen davon nicht leben. Des­halb komme ich nach Bod­man. Die Löhne in Polen sind viel nied­ri­ger. Essen, Ben­zin kos­tet fast genau so viel wie in Deutsch­land. Hier ver­diene ich drei- bis vier­mal mehr als zu Hause.

1989 und fol­gende

Zum ers­ten Mal gekom­men bin ich 1990. Wir hat­ten über Nacht ein neues Sys­tem. Der Betrieb, in dem ich gear­bei­tet hatte, funk­tio­nierte nicht mehr. Spold­ziel­nia Wie­lobran­zowa. Große Bau­firma. Viele Mecha­ni­ker, Elek­tri­ker, Maler, Hand­wer­ker. Im gan­zen Land war Revo­lu­tion. Wir hat­ten keine Arbeit. Alles war unsi­cher. Mein Sohn war damals zwei, meine Toch­ter sie­ben. Mein Bru­der lebte schon in der Nähe von Stutt­gart. Er war bei Soli­dar­nosc, kam des­halb zwei Monate ins Gefäng­nis und musste das Land danach aus poli­ti­schen Grün­den ver­las­sen. Ich war auch bei Soli­dar­nosc. Ich habe Repres­sa­lien erlebt, aber ich wurde nie ver­haf­tet. Wir haben für ein bes­se­res Leben gekämpft. Für die Zukunft unse­rer Fami­lien. Das Wich­tigste ist, dass es der Fami­lie gut geht.

Nach dem Zusam­men­bruch des Kom­mu­nis­mus habe ich mei­nen Bru­der besucht. Ich habe gesagt: „Wenn du Arbeit für mich fin­dest, komme ich.“ Mein Bru­der hatte von Graf Bod­man gehört. Also habe ich mich ange­bo­ten. Ich musste viel ler­nen. Hagel­netze und Zäune bauen. Pflan­zen, Bäume schnei­den. Nach und nach habe ich ver­stan­den, worum es geht. Pilze und Bak­te­rien. Wann man sich Sor­gen machen muss um die Bäume. Zum Bei­spiel wenn der Win­ter mild ist und die Bäume zu früh im Saft ste­hen. Es ist mein zwei­ter Beruf gewor­den. Am liebs­ten arbeite ich mit Äpfeln, gerne auch mit Trau­ben, mit Kir­schen habe ich nicht viel zu tun; die meiste Arbeit pas­siert im Som­mer, wenn ich nicht hier bin.

Arbei­ten in Bod­man

Wenn wir nach Bod­man fah­ren, neh­men wir viel Essen mit. Ein­ge­leg­tes Gemüse und Obst, Pie­rogi. Manch­mal lädt uns der Baron zum Essen ein. Das freut uns. Wir sind Teil des Betrie­bes. Wir sind meis­tens zu fünft. Die Fahrt dau­ert unge­fähr zwölf Stun­den, wenn es nicht zu viele Bau­stel­len auf der Stre­cke gibt. Ich komme immer wie­der gerne. Der See ist schön. Die Land­schaft ist schön. Das Klima ist gut. Im Win­ter ist es nicht so kalt wie in Polen. Auch die Men­schen sind anders. Wenn man auf der Straße geht, grü­ßen sie, auch wenn sie einen nicht ken­nen. Hallo. Guten Tag. Wie geht es? In Polen grüßt man nur Leute, die man kennt. Meine Frau hat oft geha­dert, wenn ich weg­fuhr. Inzwi­schen hat sie sich daran gewöhnt. 2013 haben wir zum ers­ten Mal gemein­sam am Boden­see Urlaub gemacht. Wir waren in Lin­dau, Bre­genz, Kon­stanz, auf der Insel Mainau. Der Urlaub war super. Auch mei­nen Sohn Pawel habe ich schon zum Arbei­ten mit­ge­bracht. Ob ich dar­über nach­denke, dass ich Sai­son­ar­beits­kraft bin? Ich weiß nicht, was deut­sche Obst­ar­bei­ter ver­die­nen. Wenn der Baron deut­sche Obst­ar­bei­ter fin­den würde, die bes­ser wären als ich, wäre ich ver­mut­lich nicht hier. Ich pro­fi­tiere. Bert­ram und der Baron pro­fi­tie­ren. Alles gut. Das ist das moderne Europa. Wir müs­sen dort­hin gehen, wo das Geld ist. Wie lange ich das noch mache? Ich sage: Ich mache das so lange es geht. Hof­fent­lich bis ich in Rente gehe.

(Adam Chab­ior, 57, gelern­ter Elek­tro­me­cha­ni­ker, lebt in Wab­rzezno, 140 Kilo­me­ter süd­lich von Gdansk, und kommt seit 1990 nach Bod­man)