Über­le­gun­gen von Tobias Jaklin

Alte Häu­ser haben eine eigen­tüm­li­che Kraft. Das Phä­no­men der inne­ren Logik, wel­ches in den vor­in­dus­tri­ell gefer­tig­ten Gebäu­den steckt, ist fas­zi­nie­rend. Die Pro­por­tio­nen der Räume, die fei­nen Gren­zen zwi­schen öffent­li­chen und pri­va­ten Berei­chen, die appe­tit­li­che Rein­heit der Mate­ria­lien, die Plat­zie­rung von Öff­nun­gen, das Relief der Fas­sade – alles folgt einer archai­schen, für uns nicht immer durch­schau­ba­ren Logik.

Zeit­geist

So etwas kann man heute nicht mehr bauen, weil unsere Logik eine andere ist. Wir wol­len heute alles. Offen­heit und Abschot­tung, schnelle Bau­zeit, Pfle­ge­leich­tig­keit, maxi­male Tech­nik und mini­male Kos­ten mit mini­ma­lem Instand­hal­tungs­auf­wand. Die­ser dif­fuse Brei an Wün­schen ist dann auch bedeu­tungs­voll für die Gestalt des Gebäu­des. Das Resul­tat ist Cha­rak­ter­lo­sig­keit, die sich mit hoch­mo­di­schen Desi­gnele­men­ten über die­sen Man­gel zu trös­ten ver­sucht. Die­ses Alle­sha­ben­wol­len kann nicht funk­tio­nie­ren. Tech­nik zum Bei­spiel ver­al­tet zuneh­mend schnel­ler und geht kaputt. Viel Tech­nik bedeu­tet immer einen hohen Ver­schleiß. Gerade in der Archi­tek­tur hat der Enthu­si­as­mus des tech­ni­schen Den­kens dazu geführt, dass Erneue­rung Selbst­zweck gewor­den ist. Zu mei­ner Stu­di­en­zeit galt noch das Dogma der All­mach­bar­keit. Zwänge wur­den unter Zuhil­fe­nahme tech­ni­scher Auf­wen­dun­gen umgan­gen. Regeln, Ord­nun­gen und die Frage nach der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit gal­ten als Attri­bute der Ver­gan­gen­heit. Für mich ein Irr­glaube. Archi­tek­tur kann so nicht lang­fris­tig und sinn­stif­tend funk­tio­nie­ren. Viel­mehr über­lebt sie sich nach einer kur­zen ästhe­ti­schen und mate­ri­al­be­ding­ten Halb­wert­zeit. Wie jeder Mit­tel­klas­se­wa­gen oder jedes iPhone. Mehr und mehr ent­de­cken wir, wie Dinge und Gebäude oder ganze Stadt­teile ver­schwin­den, die sehr lange Zeit selbst­ver­ständ­li­cher Bestand­teil unse­rer Umwelt waren.

Idee

In der Domäne Bod­man wol­len wir an das vor­han­dene Reper­toire von Gestalt und Kon­struk­tion anknüp­fen, und dar­aus Rück­schlüsse für das zeit­ge­nös­si­sche Bauen zie­hen. Archi­tek­tur kann Räume schaf­fen, die Schutz und Gedie­gen­heit bie­ten, und in denen wir gut leben kön­nen; sie kann von Soli­di­tät und Har­mo­nie getra­gen sein, nicht von High-Tech-Wahn und dem Bedürf­nis auf­zu­fal­len. Schließ­lich darf sie sich auch in ihr archi­tek­to­ni­sches Umfeld ein­fü­gen. Nur so kann sie auch sozial funk­tio­nie­ren und die Men­schen zusam­men­brin­gen. Unsere Gebäude sind Cha­rak­tere, deren Wert auch darin besteht, dass sie eine Geschichte erzäh­len. Wir brau­chen diese Geschich­ten, weil wir in unse­rer schnell­le­bi­gen Kon­sum­welt, geprägt von Design und Plas­tik, per­ma­nent von unse­rer Ver­gan­gen­heit abge­schnit­ten wer­den. Ich lebe mit mei­ner Fami­lie im ehe­ma­li­gen Gärt­ner­haus des Bod­ma­ner Schlos­ses. Es ist ein schlich­tes Haus, das zum Nut­zen der Bewoh­ner kon­stru­iert wurde. Der Erbauer wollte nicht ori­gi­nell sein, da ist kein Desi­gner-Ehr­geiz zu spü­ren. Viel­mehr ist das Haus geprägt von Selbst­ver­ständ­lich­keit, wodurch es eine schlichte Schön­heit aus­strahlt, die jedes Desi­gner­haus bloß­stellt.

(Tobias Jaklin hat in Aachen, Paris und Stutt­gart Archi­tek­tur stu­diert; er lebte und arbei­tete im Ber­li­ner Stadt­teil Prenz­lauer Berg, bevor er 2009 nach Bod­man kam)